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Rapperswil-Jona: Vom fossilen Dinosaurier in eine nachhaltige Zukunft

Von: Lukas Füglister  (SPF News-Artikel vom 16.02.2021)

Die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Rapperswil-Jona möchten bis 2040 keine klimaschädlichen Emissionen mehr verursachen. Doch was bedeutet dies für die Sanierung der Gebäude und die Heizung im Keller? Diese Fragen wurden im Rahmen der Masterarbeit von Lukas Füglister bearbeitet.

Foto Flugaufnahme Rapperswil-Jona
Wärmebedarf im Untersuchungsgebiet Rapperswil-Jona (Referenzjahr 2020, Ausschnitt)
Abbildung Wärmebedarf im Untersuchungsgebiet Rapperswil-Jona 2020

Begriffe wie Netto-Null, Climate Justice oder Energiestrategie 2050 dürften den meisten von Ihnen sicher ein Begriff sein. Von den Wissenschaftlern beworben, von der Klimajugend jeden Freitag laut gefordert und vom Bund durch grosse Anstrengungen gefördert, findet sich eine Flut an Informationen für Interessierte. So nahm ich mich Anfang 2020 dieser Thematik an und stellte mir die Frage, was dies konkret für den Gebäudepark und die Heizungen in Rapperswil-Jona bedeutet.

Energiebilanz der Schweizerinnen und Schweizer

Hierzu sammelte und analysierte ich Daten, führte Interviews mit Fachleuten und Experten, und kam vorerst zu einer ernüchternden Erkenntnis: Heute werden über 60 % der benötigten Energie einer Schweizerin / eines Schweizers durch fossile Energieträger bereitgestellt. In meinem untersuchten Gebiet (Rapperswil-Jona, Südquartier) sind dies rund 5.4 t CO₂ pro Kopf.

Was die klimaverträgliche Menge an CO₂-Emissionen sind, dazu finden sich unterschiedliche Angaben. Häufig lese ich den Wert von 1.5 t CO₂ pro Kopf, also 3.6-mal weniger als die momentanen CO₂-Emissionen der Bürgerinnen und Bürger aus Rapperswil-Jona. Diese Menge soll durch natürliche und technische Senken (CO₂-Bindung) kompensiert werden können und zu einer Netto-Null-Bilanz führen.

Ich nehme diese 1.5 t CO₂ als Zielwert, welcher bis 2040 erreicht werden soll.
Die Aufgabenstellung meiner Masterarbeit war somit gesetzt: Welche Massnahmen sind notwendig, damit die Einwohnerinnen und Einwohner von Rapperswil-Jona bis in 20 Jahren rund 3.6-mal weniger Emissionen verursachen als heute?

Links: Aufschlüsselung Wärmebedarf in Gebäuden, welche 2020 bereits erneuerbar beheizt werden (14 %), gegenüber Gebäuden mit angezeigtem Ersatz bis 2040 (86 %) / Rechts: Art der vorgesehenen neuen Wärmeerzeugung im Jahr 2040.
Abbildung Aufschlüsselung Wärmebedarf in Gebäuden und Art der vorgesehenen neuen Wärmeerzeugung

Viel Potential ist vorhanden

Es folgte eine umfangreiche Auswertung. Unter anderem habe ich in einer Feldaufnahme rund 360 Wohngebäude genauer angeschaut, die Energiestrategie der Gemeinde digital erfasst, diverse Konzepte geprüft und verschiedene Datenbanken vernetzt und ausgewertet. Hier hat sich auch die Verwendung von georeferenzierten Datensätzen (sogenannte GIS-Daten) als sehr hilfreich erwiesen.

Meine anfängliche Resignation hat sich gelegt. Es zeigt sich, dass wir heute sowohl die Technologie wie auch das Know-how haben, um ein Netto-Null-Ziel zu erreichen.
Klar, es wird nicht einfach werden und gewohnte Muster müssen durchbrochen werden.
Aber es ist machbar und oftmals in der Gesamtkostenbetrachtung auch kostengünstiger, auf erneuerbare Energieträger umzustellen.

Massnahmen zur Zielerreichung

Falls wir im Gebäudebereich die gesetzten Ziele erreichen möchten (oder besser müssen), empfehle ich folgende Punkte zu berücksichtigen:

  • Fossile Heizungen sollten auf keinen Fall wieder durch fossile Heizungen ersetzt werden.
  • Neubauten müssen erneuerbar beheizt werden.
  • Gebäudehüllen von alten Liegenschaften müssen saniert werden.
  • Der Bau von Wärmenetzen ist zu fördern.
  • Lassen Sie sich beraten – planen Sie, bevor Ihre Heizung aussteigt!

Klimabilanzierung für das Stadtgebiet von Rapperswil-Jona (Total RJ, logarithmisch) im Jahr 2020, sowie der Prognose für 2040, aufgeschlüsselt auf die berücksichtigten Energieträger.
Abbildung Klimabilanzierung für das Stadtgebiet von Rapperswil-Jona

Um das Ganze noch mit Zahlen zu verdeutlichen: Die energetische Sanierungsquote der Gebäude ist von heute 0.9 % auf über 4.0 % zu steigern. Sanierungen sind in unterschiedlichem Umfang für 96 % der untersuchten Gebäude angezeigt.

Viele Unterhaltsarbeiten können infolge des periodischen Unterhalts gemacht werden. Erste Auswertungen zeigen, dass besonders institutionelle Anleger (Pensionskassen, Versicherungen, Banken, etc.) wichtige Akteure sein können, um die gesetzten Ziele zu erreichen. Diese Anleger besitzen häufig grössere zusammenhängende Liegenschaften in den Quartieren, welche sich zum Aufbau von Wärmenetzen anbieten.

In die Nachhaltigkeit zu Investieren zahlt sich aus

Dem Leser, der jetzt denkt, das kostet doch nur viel und bringt nichts, dem sei folgendes gesagt: Werden bis in 20 Jahren keine Massnahmen getroffen, ist absehbar, dass über die CO₂-Abgabe indirekte Kosten von bis zu 58'000 CHF für eine durchschnittliche, fossil beheizte Liegenschaft anfallen können. Der Kluge plant ganzheitlich und langfristig und kommt zum Schluss, dass erneuerbare Systeme meistens kostengünstiger kommen als die fossilen Dinosaurier.

 

 

Foto Lukas Füglister

Autor

Lukas Füglister (MSc Energy & Environment) hat als Energieberater und Fachplaner HLKS-Anlagen in der ganzen Schweiz realisiert. Seit Januar 2021 arbeitet er als Projektleiter beim Institut für Solartechnik (SPF) an der OST. Bei Fragen oder Bemerkungen dürfen Sie sich gerne bei mir melden.
Kontakt E-Mailadresse: lukas.fueglister(at)ost.ch

Verwendete Quellen

BAFU (Hg.). (2020). Klima: Das Wichtigste in Kürze. [Online verfügbar]. Bern.

BFE. (2020). Schweizerische Gesamtenergiestatistik 2019. [Online verfügbar]. Bern.

Füglister, L. (2021). GIS-basierte Methodik zur nachhaltigen Wärme- und Kälteversorgung von Quartieren. Masterarbeit, Ostschweizer Fachhochschule. Rapperswil-Jona.

Wüest & Partner. (2017). Immo-Monitoring (Nr. 2). Wüest & Partner AG. Zürich.

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